Die Entstehung der Wallfahrtskirche
Von der privaten Andacht zur berühmten Wallfahrtsstätte: Die Geschichte von Loretto ist geprägt von tiefem Glauben, Gelübden und den Stürmen der europäischen Geschichte.
1644: Der Ursprung der „Schwarzen Madonna“
Der Inhaber der Herrschaft, Freiherr Hans Rudolf von Stotzingen, errichtete im Jahr 1644 nach dem Vorbild in der Wiener Augustinerkirche eine Wallfahrtskapelle. Zuvor hatte er anlässlich einer Pilgerreise ins italienische Loreto eine Nachbildung der dortigen Madonnenstatue anfertigen und sie durch Berührung mit dem Original „heiligen“ lassen. Die Figur wurde zunächst in seinem Schloss Seibersdorf aufbewahrt, bis die neue Kapelle fertiggestellt war.
Diese erste Kapelle stand ursprünglich im heutigen Kirchhof (wo sich heute die Mariensäule „Mater Dolorosa“ befindet). Da die Madonna rasch zu einem Anziehungspunkt für viele Pilger wurde, beauftragte der Freiherr den Servitenorden („Diener Mariens“) mit der Betreuung. Schon 1645 ließ er am heutigen Hauptplatz ein kleines Klostergebäude (Hospitium) errichten.
Das Gelübde des Grafen Nádasdy
Nach einem Erbschaftsstreit musste Freiherr von Stotzingen die Gebiete 1648 an den neuen Grundherrn, Graf Franz III. Nádasdy, abtreten. Der Graf, der im Alter von 20 Jahren konvertiert und katholisch geworden war, erkrankte kurz nach der Übernahme schwer. In einem eigenhändigen Schreiben berichtete er von einem Gelübde, das er 1650 im Beisein seiner Gattin Anna Juliana Esterházy ablegte: Sollte die Jungfrau Maria seine Heilung erwirken, werde er in Loretto zu ihren Ehren eine große Kirche und ein Kloster bauen. Der Überlieferung nach genas er wenige Tage später vollständig.
Seinem Versprechen folgend, wurde am 2. Juli 1651 der Grundstein für den Bau der heutigen Kirche gelegt. Die Gnadenkapelle mit der „Schwarzen Madonna“ wurde 1659 abgetragen und an ihren heutigen, geschützten Standort im Kreuzgang versetzt. Am 2. Juli 1659 weihte Bischof Georg Széchenyi die Kirche vor bis zu 20.000 Gläubigen ein.
1683: Der Türkenkrieg und der Verlust der Madonna
Das ehrgeizige Bauprojekt war von kriegerischen Ereignissen überschattet. 1671 wurde Graf Nádasdy wegen seiner Beteiligung an der Magnatenverschwörung hingerichtet. Die Herrschaft wurde eingezogen und fiel später an Fürst Paul Esterházy.
Ein schwerer Schlag traf Loretto im Jahr 1683 durch das anrückende Türkenheer. Zwar wurden mobile Kunstschätze nach Forchtenstein evakuiert, Kirche, Kapelle und Kloster fielen jedoch am 13. Juli 1683 den Flammen zum Opfer. Augenzeugen berichteten von ungeheurer Zerstörung. Über den Verbleib der originalen Gnadenstatue herrschte Unklarheit; sie galt lange als verloren. Stattdessen wurde nach 1683 eine zweite, gröber geschnitzte und braun bemalte Statue angefertigt, die heute ihren Platz in der Nische der Gnadenkapelle hat.
(Historische Randnotiz: Einer Überlieferung zufolge hatte der polnische König Jan III. Sobieski das Original im Türkenlager gefunden und mitgenommen. Viele Jahre später kehrte sie zurück und steht heute in der Basilika.)
Wiederaufbau und der Josephinismus
Nach der Niederlage der Türken begannen die Serviten mit dem Wiederaufbau. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts erhielt der Bau weitgehend sein heutiges Aussehen (die Zweiturmfassade entstand 1740, der kreuzgratgewölbte Kreuzgang wurde errichtet). Die aufwändigen Stuckarbeiten und Altäre stammen aus dieser hochbarocken Blütezeit.
Doch der Josephinismus bereitete der Wallfahrt ein vorläufiges Ende: 1787 löste Kaiser Joseph II. das Kloster auf. Das Gebäude stand jahrelang leer und diente um 1800 sogar als Militärspital. 1806 kaufte Fürst Nikolaus Esterházy das Kloster aus dem Religionsfonds zurück. Erst nach der Auflösung des Patronats im Jahr 1964 wurde das Kloster wieder der Pfarre übertragen.
1964: Ein neuer Anfang
Nachdem die Anlage lange Zeit von Weltpriestern (und zwischenzeitlich wieder von Serviten) betreut wurde, übernahm im Jahr 1964 die Kongregation der Oblaten der Jungfrau Maria (OMV) die geistliche Leitung der Wallfahrtskirche. Ein historischer Meilenstein war die Erhebung zur „Basilica minor“ im Jahr 1997. Seither werden Kirche und Anlage in einem echten „Jahrhundertprojekt“ schrittweise und liebevoll restauriert, um dieses einzigartige Heiligtum und barocke Juwel für kommende Generationen zu bewahren.